KUNSTHALLE TÜBINGEN
AUSSTELLUNGEN KIKU KUNSTHALLE PRESSE AKTUELLES CAFÉ
200420052006200720082009201020112012201320142015

AUSSTELLUNGEN IM JAHR 2012

SCHRIFTGRÖSSE 12 

Fotorealismus

Malen mit der Kamera

8. Dezember 2012 bis 10. März 2013

Die große Bilderschau in der Kunsthalle Tübingen bietet erstmals einen Gesamtüberblick über den Fotorealismus. Der Schwerpunkt liegt dabei auf den Anfängen der Bewegung, die in den USA der 1960er-Jahre mit faszinierend realistischen Öl- und Acrylgemälden auf die Bühne trat. Von dem New Yorker Galeristen Louis Meisel benannt und gefördert, erlangte der Fotorealismus 1972 bei der Documenta seinen internationalen Durchbruch. Neunzehn Begründer der Bewegung, darunter elf Documenta-Künstler, sind in Tübingen vertreten. Darüber hinaus zeigt eine prominente Auswahl von dreizehn jüngeren Künstlern, wie sich der fotorealistische Ansatz mit neuen technischen Möglichkeiten fortentwickelt hat. Nach Tübingen wird die 54 Werke umfassende Ausstellung im Museo Thyssen-Bornemisza in Madrid und im Birmingham Museum zu sehen sein.
Als in den 1960er-Jahren junge amerikanische Künstler unabhängig voneinander nach Fotovorlagen zu malen begannen, bot ihnen der New Yorker Galerist Louis Meisel eine gemeinsame Plattform. Er war es auch, der anlässlich einer Ausstellung 1969 den Begriff »Fotorealisten« prägte und eine erste Definition dafür abgab: Es handele sich um Künstler, die »ganz ungeniert die Fotokamera für ihre malerischen Vorlagen« verwenden, die ebenso selbstverständlich für die Übertragung der Motive auf die Lein-wand technische Hilfsmittel, etwa Diaprojektoren, in Anspruch nehmen und doch vor allem mit Disziplin und handwerklicher Fertigkeit Bilder vollenden, die sich an fotografischen Qualitäten orientieren. Meisels Engagement für die neue Bewegung war mutig, hatten doch Alfred H. Barr, der Gründungsdirektor des Museum of Modern Art in New York, und der einflussreiche Kunstkritiker Clement Greenberg die Abstraktion als unumkehrbares Entwicklungsziel der Moderne festgelegt. Die fotorealistische Malerei galt daher als doppelter Tabubruch: weil sie realistisch ist, und weil sie sich an der Fotografie orientiert, was der gängigen Meinung nach der künstlerischen Freiheit entgegenstehe. Schon die wenige Jahre älteren Pop-Art-Künstler hatten sich gegen die elitäre Kunstauffassung Barrs und Greenbergs aufgelehnt, als sie die Grenzen zwischen Hochkultur und Alltagskultur niederrissen. Diesen geradezu revolutionären Weg verfolgen die Fotorealisten auf ihre Weise mit großer Konsequenz weiter. Dank der Fotografie gelingt es ihnen, die normalen Dinge der Welt in die Kunst hineinzuholen und sie überdem durch die gewählten Ausschnitte und Lichtmomente in oft berückend schönem Glanz auf ihren Gemälden erstrahlen zu lassen.

Als der Fotorealismus 1972 bei der Documenta 5 seinen internationalen Durchbruch feierte, reagierte die auf abstrakte Kunst abonnierte Kunstkritik nahezu einhellig negativ. „Pedanterie ersetzt Genie", so spottete die Frankfurter Allgemeine Zeitung beispielsweise. Doch das Publikum gab den jungen Amerikanern Recht. Endlich wieder eine Malerei, die zu verstehen war - und zu genießen! Schon früher hatten Künstler, darunter Eugène Delacroix, Edgar Degas oder Ernst Ludwig Kirchner, nach fotografischen Vorlagen gearbeitet. Die historische Leistung der Fotorealisten besteht jedoch darin, dass sie sich dazu bekannten. Ihre Gemälde bringen zur Anschauung, dass sie Bilder von Bildern sind. Ihre kompositorische Ästhetik ist von der Fotografie geprägt. Damit sind die Fotorealisten ideengeschichtlich auf der Höhe ihrer Zeit: Richard Rorty, Philosophieprofessor an der Princeton University, hatte 1967 den  »linguistic turn« in einer gleichlautenden Anthologie als Devise ausgerufen und damit der Vorstellung Vorschub geleistet, dass Erkenntnis Teil eines Sprachspiels sei, das mit einer außersprachlichen Wahrheit nichts zu tun hat. Der Fotorealismus kann für sich in Anspruch nehmen, einen vergleichbaren Paradigmenwechsel in der Kunstgeschichte eingeleitet zu haben. Er steht am Anfang einer kraftvollen Entwicklungslinie der Malerei, die, vertreten etwa durch Gerhard Richter oder Neo Rauch, mit großer Selbstverständlichkeit von einer Selbstreferenzialität der Bildwelten ausgeht.

Es gehört zu den Programmschwerpunkten der Kunsthalle Tübingen, die historischen Bedingungen der zeitgenössischen Kunst zu präsentieren. In jüngerer Zeit erstreckt sich dieser Anspruch auch auf die heute klassisch gewordenen Positionen der Nachkriegskunst. Mit dem Fotorealismus wird eine der wichtigsten davon erstmals umfassend und in ihrer Wirksamkeit für die Gegenwart präsentiert. Das in Tübingen startende Ausstellungsereignis würdigt in der Hauptsache diese Pionierleistung der frühen amerikanischen Fotorealisten der 1960er und 1970er-Jahre. John Baeder, Robert Bechtle, Charles Bell, Tom Blackwell, Chuck Close, Robert Cottingham, Don Eddy, Richard Estes, Audrey Flack, Franz Gertsch, Ralph Goings, Gus Heinze, John Kacere, Ron Kleemann, Richard McLean, Jack Mendenhall, David Parrish, John Salt oder Ben Schonzeit - diese Begründer der Bewegung sind mit mit 34 Werken vertreten, wobei 26 Arbeiten aus den frühen Jahren von 1967 bis 1982 stammen. Zu sehen ist etwa Telephone Booths, ein verwirrendes Spiel aus Durchsichten und Spiegelungen auf den gläsernen und metallischen Oberflächen des New Yorker Großstadtlebens, das Richard Estes 1967 malte und 1972 auf der Documenta präsentierte. Ebenso auf der Documenta war Airstream, die Ansicht eines stromlinienförmigen Campingwagens, in dessen silbriger Aluminiumhaut sich auf Ralph Goings Gemälde von 1970 das flirrende Licht einer amerikanischen Wüstenlandschaft verfängt; oder Honda, das Plakatbild der Ausstellung, eine wundervolle Nahsicht auf den Motorblock der legendären Honda CL450 Scrambler, die David Parrish 1972 festgehalten hat.

Doch die Ausstellung hat noch Weiteres zu bieten. Sie verfolgt die von dem Namensgeber und Promotor der Bewegung Louis Meisel fördernd begleitete Entwicklungslinie des Fotorealismus bis in die Gegenwart. An einer Auswahl aktueller Künstler macht sie deutlich, wie sich der Ansatz mit den neuen fototechnischen, digitalen aber auch ideengeschichtlichen Möglichkeiten weiterentwickelt hat. Die jüngere Generation der Fotorealisten ist mit Anthony Brunelli, Davis Cone, Robert Gniewek, Clive Head, Don Jacot, Ben Johnson, Bernardo Torrens, Roberto Bernardi, Peter Maier, Yigal Ozeri, Robert Neffson oder Raphaella Spence international prominent besetzt. Als Beispiele für die Unterschiedlichkeit der neuen Ansätze seien der 1974 geborene Italiener Roberto Bernardi hervorgehoben, der Studioaufnahmen von Stillleben mit höchster fotorealistischer Präzision und barocker Lichtdramatik in Szene setzt; oder der 1946 geborene Brite Ben Johnson, der in einem mehrjährigen Entwicklungsprozess unter Zuhilfenahme von Grafikprogrammen, computergesteuerten Schablonenschneidern und Airbrushpistolen ganze Stadtlandschaften auf der Leinwand nachkonstruiert. Außer im großen Saal, der den Hauptwerken der zentralen Vorreiter des Fotorealismus gewidmet ist, ermöglicht es die Hängung, direkt zwischen Altmeister und Weiterentwickler zu vergleichen. Die Räume der 51 Gemälde und 3 Arbeiten auf Papier umfassenden Schau sind nicht chronologisch, sondern thematisch gegliedert: Nach Architektur im untersten Kabinett folgen Stadtszenen, Chrom, Erotik, Fahrzeuge und die Welt des Konsums in den oberen Kabinetten. Nach Tübingen wird die in Kooperation mit dem Tübinger Institut für Kulturaustausch entwickelte, im wahrsten Sinne glanzvolle Bilderschau im Museo Thyssen-Bornemisza in Madrid sowie im Birmingham Museum präsentiert.



Täglich (außer Montag) 11-18 Uhr
Dienstag 11 - 19 Uhr


Regulär: 7 € / ermäßigt: 5 € / Schüler: 3 €
Öffentliche Führungen: samstags 15.00 Uhr, dienstags 17.30 Uhr
Teilnahmegebühr pro Person: 2,50 €

Audioführung:
Mit einer exemplarischen Auswahl an ca. 20 Werken
Kosten für die Ausleihe des Audiogeräts: 4 €
Samstag, 8. Dezember 2012, 15.00-16.30 Uhr
Artist Talk mit Ben Johnson und Bernardo Torrens
In englischer Sprache

Sonntag, 20. Januar 2013, 11.00-14.00 Uhr
Camera Lucida. Eine Vorführung von Frido Hohberger
Frido Hohberger zeigt in der Kunsthalle Tübingen, wie Portraits mithilfe einer Camera Lucida angefertigt werden. Die Besucher dieser Vorführung erhalten die Gelegenheit, das verführerisch einfache Zeichnen mit der Hilfe dieses raffinierten optischen Gerätes aus dem 19. Jahrhundert selber auszuprobieren. In Zusammenarbeit mit dem Zeicheninstitut der Universität Tübingen.

Samstag, 26. Januar 2013, 11.00-11.45 Uhr; 14.00-18.00 Uhr
Querdenken. Kreative Fotopraxis mit Robert Mertens
Der Erfolgsautor, Fotograf und Fototrainer Robert Mertens zeigt Ihnen in diesem Kurs, wie Sie Ihr kreatives fotografisches Potenzial wecken können. Nach einem Ausstellungsrundgang, der um 11 Uhr in der Kunsthalle beginnt, lädt er die Teilnehmer ab 14 Uhr in die Volkshochschule Tübingen, Katharinenstraße 18, Raum 115, dazu ein, das Querdenken zu erproben - die vielleicht wichtigste Voraussetzung für Kreativität. Nach einer kurzen Pause gibt er dann konkrete Anleitungen und Tipps zu den Themen Motivwahl, Aufnahmetechnik und Bildbearbeitung mit Photoshop. In Zusammenarbeit mit der Kreissparkasse Tübingen und der Volkshochschule Tübingen.
Zu buchen über: www.vhs-tuebingen.de, Kurs-Nr. Y21101

Mittwoch, 13. und 20. Februar 2013, 16.00-17.30 Uhr
Bekenntnis zur Kamera. Kunsthistorischer Kurs mit Zita Hartel
In gewisser Hinsicht beginnt der Fotorealismus weit vor der Fotografie. Die wissenschaftliche Volontärin der Kunsthalle Tübingen gibt am 13. Februar in der Volkshochschule Tübingen, Katharinenstraße 18, Raum 115, in einem Lichtbildvortrag einen umfassenden Einblick in diese interessante Vorgeschichte, um dann am 20. Februar bei einem Ausstellungsrundgang in der Kunsthalle auf den Fotorealismus selbst einzugehen. In Zusammenarbeit mit der Volkshochschule Tübingen.
Zu buchen über: www.vhs-tuebingen.de, Kurs-Nr. Y20305

Samstag, 16. Februar, 2. März 2013, 15.00-17.00 Uhr
From Seeing to Image: Taking Better Photos with Any Camera
Hands-on workshop with American photographer L. Lee McIntyre In englischer Sprache, im Deutsch-Amerikanischen Institut Tübingen, Karlstr. 3, mit Führung durch die Ausstellung. Part II: 20. April und 4.Mai 2013. In Zusammenarbeit mit dem Deutsch-Amerikanischen Institut Tübingen.
Zu buchen über: www.dai-tuebingen.de

Samstag, 2. März 2013, 11.00-11.45 Uhr; 13.00-17.00 Uhr
Stadtansichten. Kunstpraxis mit Martina Nehr-Kley
Nach einem Ausstellungsrundgang, der um 11 Uhr in der Kunsthalle beginnt, erhalten die Teilnehmer des Kurses ab 14 Uhr im Atelier der Volkshochschule Tübingen, Katharinenstraße 18, eine praktische Einführung in die maltechnischen Methoden des Fotorealismus. Ziel ist es, ein eigenständiges fotorealistisches Gemälde zu erstellen. In Zusammenarbeit mit der Volkshochschule Tübingen.
Zu buchen über: www.vhs-tuebingen.de, Kurs-Nr. Y20530

Abgabeschluss: 10. Februar 2013
Fotowettbewerb. Sonnenseiten
Mondäne Stadtansichten, schicke Autos, verführerische Süßigkeiten - es sind die schönen Dinge des Lebens, welche die Fotorealisten auf ihren Gemälden erstrahlen lassen. In der Ausstellung FOTOREALISMUS. MALEN MIT DER KAMERA sind diese ästhetischen Hochgenüsse in Öl und Acryl nun auch in der Kunsthalle Tübingen zu erleben. Im Zuge dieser glanzvollen Bilderschau hat die Kunsthalle Tübingen zusammen mit der Kreissparkasse Tübingen einen Fotowettbewerb ausgelobt. Sie alle sind herzlich eingeladen sich daran zu beteiligen! Fotografieren Sie die liebste Sonnenseite Ihres eigenen Lebens! Das Format ist auf maximal DIN A4 beschränkt. Jede Person darf nur eine Arbeit einreichen. Bitte notieren Sie auf der Bildrückseite Ihren Namen, Anschrift, Telefonnummer sowie E-Mailadresse. Sie können Ihren Beitrag an der Kasse abgeben oder postalisch an die Kunsthalle senden. Abgabeschluss ist der 10. Februar 2013. Die Bilder sind von Samstag, 16. Februar, bis zur Preisverleihung am Sonntag, 24. Februar 2013, um 11 Uhr in der Kunsthalle zu sehen. Nach dem Wettbewerb können die Bilder bis einschließlich 10. März 2013 an der Kasse der Kunsthalle abgeholt werden. Bitte haben Sie Verständnis, dass die Werke nicht versichert werden, und ein Rückversand nicht möglich ist. Das Publikum ermittelt die Gewinner. Der erste Preis ist mit einer hochwertigen Digitalkamera dotiert. Elf weitere Preise werden vergeben.
Fotorealismus. 50 Jahre hyperrealistische Malerei, mit Texten von Linda Chase, Nina S. Knoll, Otto Letze, Louis K. Meisel, Uwe M. Schneede und Daniel J. Schreiber, 200 Seiten, 91 Abbildungen
SEITENANFANG DRUCKANSICHT  | IMPRESSUM © KUNSTHALLE TÜBINGEN
© KUNSTHALLE TÜBINGEN
masaj salonu ankara masaj masaj masaj masaj masaj masaj masaj masaj masaj masaj salonu ankara